Weihnachten in Mordor

weihnachten in Mordor

weihnachten in Mordor

Fest hielten wir unseren Glühwein in den Händen, versuchten vorsichtig die ersten Schlucke und sahen uns still an. Um uns herum ein olfaktorischer Overkill aus verbranntem Fleisch, heißem Fett, parfümiertem Industriealkohol und menschlichem Stoffwechsel. Blinkende Nikolausmützen auf fettigen Haaren, auf speckigen Gesichtern, auf leeren Schädeln. Es schien als hätten die Orks Weihnachten für sich entdeckt und sich nun mit Uggboots und unförmigen Daunenjacken verkleidet unters gemeine Volk gemischt. Totale Assimilation.

Vor uns ein morsches, rumpelndes Holzkarussell. Nicht nur Kinder bekommen beim Anblick der psychedelisch blinkenden Lichter glänzende Augen. Auch Betrunkene standen mit offenen Mündern, glasigem Blick und deutlichen Haltungsproblemen andächtig davor.
Die Weihnachtsmarkthölle um uns herum spiegelte unser Seelenpanorama der letzten Wochen, vielleicht Monate, wer weiß das schon so genau, wider. Viel darüber gesprochen haben wir nicht. Mussten wir auch nicht. Manchmal weiß man auch was im anderen vorgeht ohne viel zu reden. Weil man es kennt, weil man das schon durchgemacht hat, weil man auch schon vor diesen Schicksalsklüften stand. Irgendwo auf unseren Wegen hatten wir wohl eine falsche Abzweigung genommen und dabei unseren Gefährten verloren. Wir hätten diese Auszeit vom elendigen Vorweihnachtsgehetze nutzen können, um dem Anderen mitzuteilen was uns bewegt, was uns abfuckt, vielleicht auch was wir uns von diesem vermaledeiten, bevorstehenden Jahr, das ja die Unglückszahl bereits in sich trägt, erhofften. Aber nicht jetzt, nicht hier. Es hätte sich nicht richtig angefühlt.

Nicht einmal mehr billiger Fusel hätte diesen Schleier wegzuspülen vermocht. Auch diese Übereinkunft wurde wortlos getroffen. Trotz aller Widerwärtigkeiten, in und um uns, war es der perfekte Moment. Fast. Beim nächsten Lied, das aus den Lautsprechern des Karussells schepperte, sahen wir uns verlegen an. Wir wussten voneinander, wussten was uns der Song bedeutet, dass wir ihn mit einem romantischen Ideal der Weihnachtsfeiertage verbanden. Keiner von uns hatte diese jemals so erlebt, aber seit unseren Jugendtagen hatten wir es uns erträumt. Zaghaft lächelten wir uns an, stellten wortlos unsere Becher ab und nahmen uns gegenseitig in den Arm, hielten uns fest. Und als der Refrain das zweite Mal erklang, brachen die Dämme und salzigsaure, dicke Tränen rannen unser beider Wangen hinunter. Jetzt war es der perfekte Moment. Und das, obwohl wir nur gute Freunde waren, Freunde, deren Herzen zwei anderen Menschen gehörten.
Aber wir waren ganz bei uns und das machte es, trotz allem, besonders. Besonders schön.

Der Song? Last Christmas. Natürlich.

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Ein Gedanke zu „Weihnachten in Mordor

  1. allycapone sagt:

    Immer noch meine Lieblingsgeschichte.

    Gefällt 1 Person

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