HIER BIN ICH MENSCH – #2 DAGIM

Photo: Thomas Bönig www.thomasboenig.com

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Sehr zögerlich kommt Dagim zum Interview in den Garten der Asylunterkunft im Nürnberger Süden. Unsicher und ungelenk lässt er sich in den Gartenstuhl sinken und blickt immer wieder hilfesuchend zu seinem Freund. Dieser soll nicht nur übersetzen helfen, das Gespräch führen wir auf Englisch, sondern wohl vielmehr Rückhalt geben.

Zu seinem Alltagsleben in Äthiopien befragt, berichtet er, was wohl Jungs in seinem Alter auf der ganzen Welt zu erzählen haben. Nachdem er die High-School abgeschlossen hatte,  begann er ein Studium der Elektrotechnik, viel Freizeit hatte er ab da nicht mehr. Das Geld für das Studium verdiente er sich in einem Hotel, das seinem Onkel gehört, ansonsten nichts Außergewöhnliches. Lernen, arbeiten, manchmal mit den Kumpels Fußball spielen. So weit, so normal.

Natürlich interessierte er sich auch für Politik. Besonders für die seines Heimatlandes Äthiopien. Seine Familie gehörte im Vielvölkerstaat Äthiopien dem Volk der Oromo an. Regiert wurde das Land seit einem Sturz des Militärregimes im Jahr 1991 zwar von einer formal demokratischen Regierung. Doch insbesondere seit der Wiederwahl des Präsidenten Mehles Zenawi im Jahr 2005 war von Demokratie im Land nicht mehr viel zu spüren. Demonstranten, Oppositionelle und kritische Journalisten wurden festgenommen und befinden sich teilweise noch heute in Haft. In einem internationalen Demokratisierungsindex ist Äthiopien 2006 von Rang 105 auf Rang 126 von 168 Ländern zurückgefallen.

Oberflächlich betrachtet war im Land alles friedlich, doch wussten die Angehörigen des Oromo-Volkes, dass es für sie unter dieser Regierung immer schwer, wenn nicht sogar unmöglich sein würde, eine ordentliche Berufsausbildung zu bekommen und später einen entsprechenden Beruf ergreifen zu können.Was Dagim deshalb von gleichaltrigen Jungs in großen Teilen der übrigen Welt unterscheidet, ist das Risiko, das er einging, wenn er gemeinsam mit seinem Vater im Untergrund für die politischen Ziele seines Volkes in der Provinz Oromo einstand. Diese Ziele waren im Wesentlichen Freiheit, Demokratie und Chancengleichheit. Einsetzen konnte man sich dafür aber nur im Verborgenen. Wie in jedem totalitären Regime wurde das Land von einem unsichtbaren Netz aus geheimer Staatspolizei, Spitzeln und Verrätern durchzogen.Deshalb wurden insbesondere nachts die Flugblätter und Plakate mit den politischen Zielen ihrer Partei, ihrer Freiheitsbewegung verteilt und aufgehangen. Als Ältester begleitete Dagim seinen Vater bei diesen Missionen. Seine Mutter und seine drei Geschwister warteten zuhause sehnsuchtsvoll ihre unbeschadet Rückkehr ab. Denn das dies ein hohes Risiko mit sich bringt, wusste jeder in Äthiopien.Eines Nachts wurden sie jedoch beim verteilen von Flugblättern auf frisches Tat von der Geheimpolizei gefast und festgenommen. Ob sie verraten oder nur zufällig erwischt wurden, vermochten sie nicht zu sagen. Das Haus der Familie wurde daraufhin durchsucht und man fand weiteres „belastendes“ Beweismaterial.Dagim und sein Vater kamen direkt in ein Gefängnis der Geheimpolizei. Eine Verhandlung, oder zumindest einen richterlichen Beschluss, benötigte die äthiopische Staatsmacht hierfür nicht. Die Familie wurde lange über das Schicksal der beiden Männer in Ungewissheit gelassen. Um an Informationen über die Strukturen und Personen der Oppositionellen zu gelangen wurde im Gefängnis der äthiopischen Polizei versucht, den Männern unter Gewaltanwendung diese Informationen zu entreißen. Essens- und Schlafentzug waren dabei noch die milderen Methoden. Insbesondere die Schläge mit Stöcken auf den ganzen Körper, Tag für Tag, fast über zwei Monate hinweg, sollten die Männer brechen. Dagim erlitt zwar schwere Verletzungen, konnte diese aber einigermaßen überstehen. Sein Vater jedoch, der sich standhaft geweigert hatte Informationen preiszugeben, wurde immer brutaler verprügelt. Bis er schließlich in einer so schlechten Verfassung war, dass er auf eine Erste-Hilfe-Station außerhalb des Gefängnisses verlegt werden sollte. Da ein toter Inhaftierter nichts mehr preisgeben könnte, sollte er am Leben gehalten werden. Dagim sollte ihn begleiten, es war jedoch zu spät. Die nicht sehr umfangreiche medizinische Ausstattung dieses kleinen Behelfskrankenhauses reichte nicht aus, um den Vater zu stabilisieren und sein Leben zu retten. Während sein Vater im Sterben lag, befahl er Dagim, die schlechten Sicherungsmaßnahmen der Krankenstation zu nutzen und zumindest sein eigenes Leben in Sicherheit zu bringen. Seinen Vater jetzt im Stich zu lassen, erschien ihm wie Verrat. Auch wenn dieser darauf bestand und Dagim es ihm versprechen musste. Doch Dagims Vater wollte wenigstens seinen Sohn in Freiheit und Sicherheit wissen. Widerwillig gehorchte Dagim den Befehlen seines Vaters. Er ließ seinen sterbenden Vater zurück. Aus Gehorsam, nicht weil ihm sein eigenes Leben wichtiger war. Mit nichts als der Sträflingskleidung am Leib aus der nachlässig bewachten Krankenstation entkommen, suchte er zunächst Unterschlupf im nahegelegenen Regenwald.Als er sich in Sicherheit wähnte, kehrte er in die Stadt zurück und konnte über einen Nachbarn zumindest telefonisch Abschiedsgrüße an seine Familie bestellen lassen. Mit der Mutter direkt zu sprechen war zu gefährlich. Man musste jederzeit befürchten, dass Telefonate abgehört und die Familie bespitzelt würde. Über den Nachbarn konnte der Mutter auch Gewissheit über das Schicksal Ihres Mannes, dem Vater ihrer vier Kinder, gegeben werden.Von ihm wohlgesonnen Menschen erhielt Dagim Kleidung, etwas Bargeld und ein LKW-Fahrer erklärte sich bereit, ihn auf dem Truck in den Sudan mitzunehmen. Der Sudan ist jedoch ein von einem brutalen, langjährigen Bürgerkrieg gebeuteltes Land. Er sollte daher nur eine Zwischenstation sein. Inzwischen war in Dagim der Entschluss gereift, sein Leben in Europa in Sicherheit zu bringen. In Äthiopien oder in einem der anderen nordafrikanischen Länder sah er weder eine Möglichkeit sein nacktes Leben zu retten, geschweige denn langfristig ein menschenwürdiges Leben zu führen. Die Grenze zum Sudan überquerte er illegal auf der Ladefläche des LKWs. Das Ziel war zunächst Karthum. Dagim wusste, dass von dort die Möglichkeit bestand, von Menschenschmugglern nach Tripolis gebracht zu werden, um von dort nach Europa überzusetzen. In Karthum angekommen waren die Schmuggler schnell gefunden. Bei allem Chaos und Bürgerkriegswirren, die in nahezu allen nordafrikanischen Ländern derzeit herrschen, funktionierte die Infrastruktur der Menschenschmuggler besser denn je. Man konnte die Überfahrt quasi bargeldlos bezahlen. Dazu musste die Mutter in der Heimat lediglich den geforderten Geldbetrag in Äthiopien an Mittelsmänner der Schmuggler aushändigen. Diese bestätigten dann telefonisch den Erhalt des Geldes und Dagim fand sich auf der Ladefläche eines Pick-ups wieder.Zu Beginn der Reise teilte er sich die Ladefläche mit 35 anderen Flüchtenden.Die Fahrt war in vielerlei Hinsicht sehr gefährlich. Man war jederzeit der Willkür von verschiedensten bewaffneten Gruppen ausgeliefert. Je nachdem, wer einen aufgriff, musste man damit rechnen ausgeraubt und bestohlen zu werden. Frauen konnten jederzeit vergewaltigt und verschleppt werden und wenn man in die Hände muslimischer Warlords fiel, konnte man sein Leben nur durch die korrekte Wiedergabe von Koran-Suren retten, da man so seinen Glauben beweisen konnte. Dagim hätte diese Prüfung nicht bestanden. Christen wie er würde man normalerweise noch an Ort und Stelle enthaupten.Es gelang ihrer Gruppe weitestgehend unbemerkt den Weg durch die Weiten der Sahara zu bewerkstelligen. Ganz ohne Zwischenfall blieb die Reise jedoch nicht: Als der Pick-up von einer Sanddüne rutschte und dabei umkippte, gerieten zwei Menschen unter das Fahrzeug und starben dabei. Die Übrigen wurden von der Ladefläche geschleudert und blieben wie durch ein Wunder nahezu unverletzt. Da man die Ladefläche vorrangig mit zahlenden Flüchtlingen statt mit Proviant beladen hatte, war nach drei Tagen Fahrt auch sämtliches mitgeführtes Wasser aufgebraucht, so dass die letzten zwei Tage durch die Sahara ohne jedes Wasser überstanden werden mussten. Mit letzten Kräften, dem Verdursten nahe, erreichte man jedoch Libyen und konnte sich dann dort zwei weitere Tage lang in das nach wie vor unsichere Bengasi durchschlagen. In Bengasi wurden Dagim und ein paar Andere, die mit ihm die Sahara durchquert hatten, von Polizei aufgegriffen und für fast einen Monat ins Gefängnis geworfen. Was genau man ihnen zur Last legte – traditionell wird auch hier ganz ohne irgendein Gerichtsverfahren vorgegangen – wurde ihnen nie mitgeteilt. Sie erhielten dort einmal täglich eine Minimalration zu Essen und sollten ansonsten den gesamten Tag das Gefängnis putzen. Nach fast vier Wochen wurden Sie jedoch wieder auf die Straße gesetzt. Erneut ohne Bürokratie, ohne Begründung. Von Bengasi sollte die Reise weiter nach Tripolis gehen, da hier die Überfahrten nach Europa wohl am einfachsten zu bewerkstelligen sei. Doch vorher musste der gefährlichste Teil der Reise gemeistert werden. Gut eine Woche durch den wohl bedrohlichsten Landstrich der Welt, Libyen. Ein unüberschaubarer Bürgerkrieg mit zahllosen Kriegsparteien unterschiedlichster Motivation und Ideologie konnte jedes Aufeinandertreffen mit Bewaffneten tödlich enden lassen. Und bewaffnet war in Libyen zu diesem Zeitpunkt jeder, der eine Waffe tragen konnte. Dagim hat Elfjährige mit Sturmgewehren gesehen, die sich einfach nahmen, was sie wollten. Die größte Gefahr war, von islamistischen Kämpfern gefasst und getötet zu werden. In einer Gruppe von circa 15 Personen gelang es ihnen aber, sich bis Tripolis durchzuschlagen. Dort angekommen, wollte Dagim das für die Überfahrt geforderte Geld als billiger Tagelöhner erarbeiten. Schutz- und machtlos wie er jedoch war, wurde ihm am Ende sein Lohn verweigert, so dass Dagim seine Kräfte ganz umsonst verschwendet hatte. Eine Möglichkeit, seinen ihm zustehenden Lohn einzufordern, gab es nicht. Vielmehr bestand die Gefahr, diese Forderung mit seinem Leben zu bezahlen. Was sollte er also tun? Einmal mehr musste seine Familie über Mittelsmänner in der Heimat die Bezahlung der Überfahrt von Agaro aus arrangieren. Nachbarn seiner Familie dienten auch hier wieder als Nachrichtenüberbringer, da ihm ein direkter Anruf bei der Mutter nach wie vor als zu gefährlich erschien. In einem Lagerhaus musste Dagim dann mit anderen Flüchtlingen darauf warten, dass die für die Überfahrt von den Schleusern festgelegte Mindestanzahl von Menschen für das zur Verfügung stehende Boot gefunden war. Es sollte ungefähr 25 Tage dauern, bis sich circa 95 Personen im Lagerhaus angesammelt hatten.

Beim Anblick der Nussschale, zu der die menschliche Fracht dann eines nachts geführt wurde, überkam Dagim erneut Todesangst. Dass es dieser heruntergekommene Fischkutter jemals über das Mittelmeer bis in das sichere Italien schaffen würde, war nicht nur zweifelhaft, sondern nahezu ausgeschlossen. Aber ihm blieb keine Wahl. Hätte er die Passage auf diesem Seelenverkäufer ausgeschlagen, wäre auch das von seiner Familie bezahlte Geld verloren gewesen. Ob ein anderes Boot in einem besseren Zustand sein würde, musste ebenfalls angezweifelt werden. Und das Warten im Chaos dieses Landes erhöhte seine Überlebenschancen auch nicht gerade. Ihm blieb also nur diese eine Chance. Er musste sie ergreifen. Auch hier opferten die Schleuser jeden für Gepäck und Proviant verfügbaren Raum der Nussschale zugunsten zahlender Passagiere – Trinkwasser würde also wieder knapp werden. Dagim führte sowieso nichts weiter als die Kleidung am Leib mit sich. Seine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr: schon nach zwei Tagen Überfahrt gaben die maroden Planken des Kahns dem Wasserdruck nach und Wasser ergoss sich in das Innere des Bootes. Die Reise würde also auf dem Grund des Mittelmeers enden. Per Funk konnte jedoch ein Hilferuf abgesetzt werden und die italienische Küstenwache rettete die Flüchtlinge von dem untergehenden Boot sprichwörtlich in letzter Sekunde. Die Schiffbrüchigen wurden nach Sizilien gebracht. Hier war nun endlich rettendes Festland erreicht. Dagim musste nicht mehr um sein Leben bangen. Da er jedoch im Folgenden auf seiner Busfahrt von Sizilien nach Rom sah, welches Leben afrikanische Flüchtlinge in Italien zu führen gezwungen waren, wollte er versuchen, bis Deutschland zu kommen. Hier sollten sie menschenwürdiger behandelt werden. Dagim grinst, als er erzählt, dass er auf der Zugfahrt nach Deutschland in Österreich von Grenzbeamten aufgegriffen und für eine Nacht zur erkennungsdienstlichen Behandlung in Gewahrsam genommen wurde. Nach allem, was er auf seiner Odyssee bis dahin erleben und ansehen musste, barg eine österreichische Arrestzelle nun wirklich keine Schrecken mehr. Am nächsten Morgen wieder auf freiem Fuß setzte er gemeinsam mit vier weiteren Flüchtlingen die Reise nach München per Bahn fort. Ohne weitere Kontrollen dort angekommen, durchliefen Dagim und seine Gefährten die üblichen Stationen in Bayern: Offizielle Registrierung als Asylsuchende, Erstaufnahmelager in Zirndorf, anfangs in Zelten, später in einem Zimmer mit vier anderen Asylanten. Insgesamt blieb er einen Monat lang in Zirndorf, bis ihm eine Unterkunft in einem Heim in einem Nürnberger Vorort zugewiesen wurde. Hier traf er auf drei weitere junge Männer aus seiner Heimat. Sie geben sich gegenseitig Halt und führen viele, lange Gespräche. Jeder Einzelne hier hat viel zu verarbeiten. Aber auch gemeinsames Fußballspielen sorgt für ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Jungs. Ethiopia United! Es wird auch viel gelacht. Lebensfreude und Optimismus haben schon bald in ihre Gesichter zurück gefunden.

Natürlich lastet das Gefühl, die Mutter, die drei Geschwister und sogar den sterbenden Vater zurückgelassen zu haben, sichtlich schwer auf Dagim, wenn er von seiner Geschichte berichtet.

Die jungen Männer wissen, dass sie auch in ihrer neuen Heimat Deutschland nicht von jedem mit offenen Armen empfangen werden. Deshalb wollen sie ihre Geschichte erzählen, deutlich machen, dass sie sich wünschten, es gäbe in ihrer Heimat eine Möglichkeit, mit ihren Familien in Ruhe und Glück zu leben. Nun soll dies wenigstens in Deutschland möglich sein. Mehr Erwartungen an dieses Land haben sie nicht.

So wie jeder andere auch.

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