Mindfuck galore – es ist leichter den Verstand als den Computer auszuschalten

Sonne, Strand, Stalking

Bild mit freundlicher Genehmigung von Ralf Rocksau http://www.facebook.com/rocksaupictures

Wenn das Mädchen seines Herzens nicht in der Nähe ist, hat der moderne Mann ungleich mehr Möglichkeiten in der Zeit ihrer Abwesenheit komplett verrückt zu werden, als sie zum Beispiel noch unserer Vätergeneration oder selbst unseren grossen Brüdern zur Verfügung standen.
Man kann dank der Segnungen modernster Kommunikationstechnologie quasi live am Leben des Mädchens, sogar auf einem anderen Kontinent, zumindest bruchstückhaft, teilhaben. Um in alles was auf diesen Kanälen zu uns durchdringt Dinge hinein zu interpretieren, aus zu schmücken, weiter zu spinnen. Und darüber den Verstand verlieren. Garnichtmalsoschöne neue Welt.

Ich konnte zum Beispiel meiner Exfreundin, der zu diesem Zeitpunkt immer noch mein Herz gehörte und der alle meine Gedanken galten, live und in Farbe bei ihren vermeintlichen Abenteuern auf einem mehrwöchigen Surftrip folgen. Durch meine abgefuckte Vorstellungskraft. Und wünschte mir ich hätte die Stärke besessen dieser Versuchung zu widerstehen. Hab ich aber nicht.
Ihre Ankunft im Surferparadies hat mich noch sehr für sie gefreut, da ich wusste wie sehr sie es ersehnt hatte und ich die Hoffnung hatte, sie würde dort zur Ruhe, zum Nachdenken und schließlich zur Einsicht kommen. Der Einsicht, dass der Typ, zurückgeblieben im grauen, kalten Deutschland, vielleicht nicht gelogen hatte. Dass sie wahrhaftig die Liebe seines Lebens und irgendwann die Mutter seiner Kinder sein würde.
Nach ihrer Ankunft flossen die weiteren Informationen über den Verlauf ihres Trips jedoch sehr spärlich. Keine Postings, keine Likes, keine Kommentare. Nichts.
Weil aber Facebook auch zielgerichtete Postings zulässt, vergewisserte ich mich sogar bei gemeinsamen Freunden ob das Profil des Mädchens auch bei Ihnen ohne jede Neuigkeit angezeigt würde. Tat es. Es war also kein Filter aktiviert. Naja, immerhin.
Nach einigen Tagen wurden jedoch neue Freundschaften im Newsfeed des sozialen Netzwerkes angezeigt. Sogar fünf auf einmal. Gleich mal prüfen wer da in den letzten Tagen den Weg in das Leben des schönsten Mädchens gefunden hatte. Okay, drei davon waren Mädchen, eines davon sogar aus der Heimatstadt meines Mädchens. Also kein Grund zur Beunruhigung. Sehr wohl beunruhigend waren jedoch die beiden weiteren Neuzugänge im Kreise der Privilegierten.
Den Ersten gecheckt: aha, ist im selben Surfcamp wie sie. Wäre sein Gesicht hübscher, der Prototyp des Teilzeit-Surferboys: braun gebrannte Haut, kleiner Sixpack über dem Bund der Surfshort und die Haare von Salzwasser und Sonne gesträhnt wie es kein Stylist der Welt künstlich erzeugen könnte.
Was macht er sonst so? Nix. Definiert sich also über sein Surfen während der Semesterferien zwischen 2. und 3. Semester. Würstchen. Wobei das mit dem Studium bestimmt ne knappe Nummer war. Die Eltern des Knaben mussten sicherlich nen Haufen Kohle locker machen um dem missratenen Spross auf einer Privatschule die nötige Reife attestieren zu lassen. Naja, trifft keine Armen, kommt aus ner besseren Leute Gegend in Hamburg. Hartz 4 kennt man dort nur aus den Nachrichten und vom Haupteinkommen der schwarz beschäftigten Putzfrau. Hamburg jedoch ist alleine schon alarmierend genug, wissend dass das Mädchen die Perle an der Elbe für die schönste Stadt Deutschlands hält und Frauen aus den südlichen Bundesländern generell den Hamburger Mitschnackern sehr leicht erliegen.
Der Zweite ist aber fast noch gefährlicher: Typ gealterter Aussteiger-Surfer-Hippie. Tiefe Furchen im Gesicht vom ewigen in die Sonne und den naiven Surfcampnovizinnen zu blinzeln. Die Haare noch etwas länger, noch sonnengestylter und deshalb noch verwegener. Und er verkörpert natürlich alles worauf junge Mädchen in ihrer Einhorn-Prinzessinnen-Welt stehen: der unkonventionelle, unzähmbare, megacoole Aussteigertyp mit dem sie gerne im VW-Bus die Welt bereisen wollten. Das Leben als endlose Welle und er der Jack Sparrow der die Prinzessin auf sein Schiff entführt.
Ich weiß das nur zu gut weil ich in meinen Zwanzigern lange genug Snowboardcoach war um diese naturgesetzgleichen Kettenreaktionen zu kennen. Das ist exakt das Selbe. Nur mit weniger Strand und mehr Klamotten.
Und ein gerade frisch getrenntes, bildhübsches Erstsemester war damals eine Fingerübung. Wie ich solche Typen hasse…

In den folgenden Tagen war aber doch noch Aktivität auf dem Profil zu verzeichnen. Sie will ein Konzert besuchen zu dem ich meine Teilnahme ungefähr 30 Minuten zuvor der Welt kundgetan hatte? Wird schwer auf einer Insel im Atlantik das Ticket dafür klarzumachen, Baby. Ich nutze meine Connections um noch ein weiteres zu organisieren. Nur für den Fall, dass es tatsächlich kein Zufall sondern, wie ich mir in meinen zuckerwatterosa Tagträumen ausmale, ein Wink mit einem Offshore-Windrad-grossssen Zaunpfahl ist.
Auch sonst nutzt mein Gehirn jede mögliche und unmögliche Gelegenheit mich an das schönste Mädchen der Welt und den Verlust dieses zu erinnern. Ich schaffe es, mit jedem verdammten Song den ich höre, eine gedankliche Brücke zu ihr zu bauen. Bei Liedern des gemeinsamen Soundtracks sicher normal und nachvollziehbar. Darüberhinaus teile ich aber jeden Song den ich in der Zwischenzeit zum ersten Mal höre in könnte ihr gefallen-/gefiele ihr sicher-/schade dass der nicht auf unserem Soundtrack ist-Kategorien ein.
Bei der Tourankündigung eines Künstlers, dessen Songs untrennbar mit dem Soundtrack unseres ersten, gemeinsamen Sommers verbunden sind, orderte ich direkt zwei Karten für uns. Wenn sie nicht mitkommen wollte, würde ich die Karten wohl verschenken. Es fühlt sich komplett falsch an dieses Konzert mit einer anderen Person als dem schönsten Mädchen zu besuchen.
Der Gipfel des Brainfucks war jedoch erreicht als Sie nach einer weiteren Woche Schweigen im Äther einen Song gepostet hat. Der Text des Songs, den ich bis dahin nicht kannte, gab ziemlich genau die letzten Wochen unserer Beziehung aus meiner Sicht wieder. „…cause we fucked up, what we called love…“ WTF?!? Wäre sie ein Mädchen das Songtexten keinerlei Bedeutung zumessen würde und selbst bei Helene Fischer nur mitsummte, weil die Lyrik zu anspruchsvoll ist, geschenkt. Ist sie aber nicht. Also, was zur Hölle soll das?
Ein weiteres, todsicheres Instrument sich vollends in den Wahnsinn zu treiben ist der Online-Status beim weitverbreitesten Messenger. Weil das Schicksal nämlich eine Bitch und dazu mit einem bösartigen Humor gesegnet ist, wollte es eben dieses so, dass beim letzten Whatsapp-Update just während dieser Zeit, die Sichtbarkeit des Onlinestatus bei allen Nutzern wieder default aktiviert wurde. Ich war zu schwach ihn manuell abzuschalten.
– zuletzt online gestern Nacht? was zu Hölle macht sie um diese Zeit online? verabredet sie sich mit Surferhackfresse 1 am Strand?
– schon seit fast 16 Stunden nicht mehr online? hat sie was Besseres zu tun? Liegt sie im VW-Bus von Surferhippie Nummer 2 und hat dort kein Ladegerät mit sich?
Egal welche Uhrzeit als letzter online-Zeitpunkt angezeigt und welche Zeitspanne seitdem verstrichen war, mein kleines, krankes Hirn und meine riesige, verdorbene Phantasie konnten mir mit diesen Angaben die furchtbarsten Szenarien, in den schillerndsten Farben ausmalen. Je kürzer ihre letzte Onlineaktivität zurück lag , desto heftiger schlug mein Herz. Ein paar Mal verpasste ich sie um nur wenige Minuten. Mein Herz schien in diesen Momenten meine Brust zum bersten zu bringen. Das kann unmöglich gesund sein.

Was lernen wir nun daraus? Lösch sie! Wenn es schon nicht aus den Gedanken möglich ist, dann wenigstens aus Facebook, Whatsapp und am besten gleich aus dem Adressbuch.

Aus Deinem Leben löscht sie sich dann selbst. Irgendwann.

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2 Gedanken zu „Mindfuck galore – es ist leichter den Verstand als den Computer auszuschalten

  1. Markus sagt:

    Wie ähnlich man sich doch sein kann in solchen Situationen. So toll SM (Social Media 😉 ) sein kann, so sehr kann es einen auch mindfucken.

    Toll geschrieben Großer!

    Gefällt 1 Person

  2. Ann_T.Dote sagt:

    Auch wenn sicherlich viele es nicht zugeben wollen, erkennen sich doch bestimmt einige in deiner Ausführung, mehr oder minder. Die Neugierde und die fehlende Möglichkeit der Interaktion lassen unseren Voyeurismus in vollem Glanz aufblühen.

    Ich erkannte mich in manch einer Passage wieder.
    Ei leik!

    Gefällt mir

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